Freitag, 7. Oktober 2011

Vom Wege des Schaffenden


Willst du, mein Bruder, in die Vereinsamung gehen? Willst du den Weg zu dir selber suchen? Zaudere noch ein wenig und höre mich.
    »Wer sucht, der geht leicht selber verloren. Alle Vereinsamung ist Schuld«: also spricht die Herde. Und du gehörtest lange zur Herde.
    Die Stimme der Herde wird auch in dir noch tönen. Und wenn du sagen wirst: »ich habe nicht mehr ein Gewissen mit euch«, so wird es eine Klage und ein Schmerz sein.
    Siehe, diesen Schmerz selber gebar noch das eine Gewissen: und dieses Gewissens letzter Schimmer glüht noch auf deiner Trübsal.
    Aber du willst den Weg deiner Trübsal gehen, welches ist der Weg zu dir selber? So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!
    Bist du eine neue Kraft und ein neues Recht? Eine erste Bewegung? Ein aus sich rollendes Rad? Kannst du auch Sterne zwingen, daß sie um dich sich drehen?
    Ach, es gibt so viel Lüsternheit nach Höhe! Es gibt so viel Krämpfe der Ehrgeizigen! Zeige mir, daß du keiner der Lüsternen und Ehrgeizigen bist!
    Ach, es gibt so viel große Gedanken, die tun nicht mehr als ein Blasebalg: sie blasen auf und machen leerer.
    Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und nicht, daß du einem Joche entronnen bist.
    Bist du ein solcher, der einem Joche entrinnen durfte? Es gibt manchen, der seinen letzten Wert wegwarf, als er seine Dienstbarkeit wegwarf.
    Frei wovon? Was schiert das Zarathustra? Hell aber soll mir dein Auge künden: frei wozu?
    Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen über dich aufhängen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein und Rächer deines Gesetzes?
    Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rächer des eignen Gesetzes. Also wird ein Stern hinausgeworfen in den öden Raum und in den eisigen Atem des Alleinseins.
    Heute noch leidest du an den Vielen, du Einer: heute noch hast du deinen Mut ganz und deine Hoffnungen.
    Aber einst wird dich die Einsamkeit müde machen, einst wird dein Stolz sich krümmen und dein Mut knirschen. Schreien wirst du einst »ich bin allein!«
    Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges allzunahe; dein Erhabnes selbst wird dich fürchten machen wie ein Gespenst. Schreien wirst du einst: »Alles ist falsch!«
    Es gibt Gefühle, die den Einsamen töten wollen; gelingt es ihnen nicht, nun, so müssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mörder zu sein?
    Kennst du, mein Bruder, schon das Wort »Verachtung«? Und die Qual deiner Gerechtigkeit, solchen gerecht zu sein, die dich verachten?
    Du zwingst viele, über dich umzulernen; das rechnen sie dir hart an. Du kamst ihnen nahe und gingst doch vorüber: das verzeihen sie dir niemals.
    Du gehst über sie hinaus: aber je höher du steigst, um so kleiner sieht dich das Auge des Neides. Am meisten aber wird der Fliegende gehaßt.
    »Wie wolltet ihr gegen mich gerecht sein!« – mußt du sprechen – »ich erwähle mir eure Ungerechtigkeit als den mir zugemessnen Teil.«
    Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach dem Einsamen: aber mein Bruder, wenn du ein Stern sein willst, so mußt du ihnen deshalb nicht weniger leuchten!
    Und hüte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gerne die, welche sich ihre eigne Tugend erfinden – sie hassen den Einsamen.
    Hüte dich auch vor der heiligen Einfalt! Alles ist ihr unheilig, was nicht einfältig ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer – der Scheiterhaufen.
    Und hüte dich auch vor den Anfällen deiner Liebe! Zu schnell streckt der Einsame dem die Hand entge gen, der ihm begegnet.
    Manchem Menschen darfst du nicht die Hand geben, sondern nur die Tatze: und ich will, daß deine Tatze auch Krallen habe.
    Aber der schlimmste Feind, dem du begegnen kannst, wirst du immer dir selber sein; du selber lauerst dir auf in Höhlen und Wäldern.
    Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber führt dein Weg vorbei, und an deinen sieben Teufeln!
    Ketzer wirst du dir selber sein und Hexe und Wahrsager und Narr und Zweifler und Unheiliger und Bösewicht.
    Verbrennen mußt du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!
    Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir schaffen aus deinen sieben Teufeln!
    Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selber liebst du und deshalb verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.
    Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiß der von Liebe, der nicht gerade verachten mußte, was er liebte!
    Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen, mein Bruder; und spät erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.
    Mit meinen Tränen gehe in deine Vereinsamung, mein Bruder. Ich liebe den, der über sich selber hinaus schaffen will und so zugrunde geht. –

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra.

Die Entwicklung des Menschen zum „Übermenschen“, die Friedrich Nietzsche in seinem Epos „Also sprach Zarathustra“ beschreibt, ist eine geniale Vorwegnahme der allgemeinen Auferstehung des Kulturmenschen durch die Verwirklichung der Natürlichen Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft ohne Kapitalismus = echte Soziale Marktwirtschaft). Zu erkennen ist das erst, wenn man selbst den Erkenntnisprozess der Auferstehung aus der religiösen Verblendung hinter sich hat. Umso erstaunlicher ist die Leistung Nietzsches, der noch weit davon entfernt war, die Religion (Rückbindung auf den künstlichen Archetyp Jahwe = Investor) zu verstehen, und der auch keine Vorstellung von Makroökonomie hatte.

Wer die Bedeutung des oben zitierten Kapitels erfassen will, ohne bereits auferstanden zu sein, muss zuerst wissen, dass alle Zivilisationsprobleme, die sich überhaupt thematisieren lassen, monokausal sind, und dass dies schon vor über drei Jahrtausenden erkannt wurde:


Die einzig denkbare Lösung für (Erlösung aus) diese(r) „Mutter aller Zivilisationsprobleme“ wurde erstmalig vor zwei Jahrtausenden erkannt, kann aber erst heute verwirklicht werden:


Jesus von Nazareth war mit Sicherheit der einsamste Mensch, der jemals auf diesem Planeten gelebt hat, denn er wusste, dass die Natürliche Wirtschaftsordnung („Königreich des Vaters“) zu seinen Lebzeiten nicht zu verwirklichen war, auch wenn die ideale Makroökonomie in rein technischer Hinsicht bereits damals möglich gewesen wäre. Wo wäre in diesem Fall die Menschheit heute? Niemand kann wagen, sich das vorzustellen!

Die halbwegs zivilisierte Menschheit zog es vor, in religiöser Verblendung zu verbleiben, und die „Herde“ fiel mit dem Cargo-Kult des Katholizismus (stellvertretend für alles, was sich heute „christlich“ nennt) in die wohl primitivste Form der menschlichen Existenz zurück, über die man sich als auferstandener Mensch überhaupt erheben kann (Bleiben Sie dennoch freundlich zu Ihrem Dorfpfarrer – er kann nichts dafür.).

Wer in „dieser Welt“ nach „Höhe“ strebt, darf auf gar keinen Fall wissen, dass er nur zwei Möglichkeiten hat: Er kann auf Kosten anderer leben (Zinsgewinner), oder andere werden auf seine Kosten leben (Zinsverlierer). Eine dritte Möglichkeit ist in einer Zinsgeld-Ökonomie nicht vorgesehen, und die beiden verbleibenden Möglichkeiten lassen kein wirklich sinnvolles Leben zu, wenn wir ein solches als eine Abfolge von bewusstem Wollen und zumindest möglicher Willensbefriedigung auffassen:



Stefan Wehmeier, 07.10.2011


Kommentare:

  1. Wie wäre es denn mal mit einer Petition?

    AntwortenLöschen
  2. Im Berichtsjahr 2009 gingen 18.881 Petitionen beim Petitionsausschuss ein. Das sind knapp 800 mehr als im Jahr davor. Vom Ausschuss wurden 17.217 Petitionen bearbeitet. Hiervon wurden 10.478 ohne parlamentarische Beratung bearbeitet. 6.552 (38 %) wurden durch Rat, Auskunft, Verweisung, Materialübersendung, etc. erledigt. 2.457 (14,3 %) waren anonyme, beleidigende oder verworrene Meinungsäußerungen. 1469 (8,5 %) wurden an das zuständige Bundesland weiterverwiesen. In die parlamentarische Beratung gelangten 6.739 Fälle. Bei 4.731 (27,5 %) wurde dem Anliegen nicht, bei 1.316 (7,6 %) wurde dem Anliegen entsprochen, die restlichen 692 (4,1 %) wurden in andere Zuständigkeitsbereiche weitergeleitet. Traditionsgemäß bildeten die Petitionen aus dem Bereich des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) mit 3.930 Eingaben den Schwerpunkt der Arbeit, sanken aber 2009 leicht um 166 Fälle. Die deutlichste Steigerung erfuhr das Justizministerium (Anstieg um 536 auf 2.399 Petitionen). Die deutlichste Senkung erfuhr das Finanzministerium mit 1.937 Anfragen, 525 weniger als im Vorjahr.

    Große Resonanz erfuhren 2009 folgende öffentliche Petitionen:

    Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten (134.015 Mitzeichnungen)
    Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte/GEMA (106.575 Mitzeichnungen)
    Gegen ein Verbot von Action-Computerspielen (73.002 Mitzeichnungen)
    Bedingungsloses Grundeinkommen (52.973 Mitzeichnungen)
    Masterstudienplatz für Bachelorabsolventen (42.740 Mitzeichnungen)
    Einführung einer Finanztransaktionsteuer (39.565 Mitzeichnungen)

    http://de.wikipedia.org/wiki/Petitionsausschuss_des_Deutschen_Bundestages


    Wie sollen gänzlich unbewusste Menschen (Politiker und Beamte) darüber entscheiden, was wirklich wichtig ist und was nicht? Die obige Aufzählung zeigt, dass Petitionen sich im Allgemeinen mit kleinbürgerlichen Nebensächlichkeiten oder absolutem Unsinn (hypothetisches „bedingungsloses Grundeinkommen“ oder „Finanztransaktionssteuer“) befassen. Eine Petition zur Durchführung einer freiwirtschaftlichen Geld- und Bodenreform würde in dem allgemeinen Unsinn einfach untergehen und die „Verantwortlichen“ wüssten absolut nichts damit anzufangen.

    AntwortenLöschen
  3. Wenn aber jeder für sich herumpuzzelt, haben wir nach dem crash, soweit es dann noch menschen gibt, wieder dieses depperte zinssystem.

    AntwortenLöschen
  4. @ tugrisu

    Wenn Sie möchten, können Sie ebenfalls eine Petition einreichen. Das geht online und dauert keine 15 Minuten:

    http://www.swupload.com//data/Petition-25205.pdf

    AntwortenLöschen
  5. wie gesagt, allein hat man null chance...

    AntwortenLöschen
  6. Alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit:

    http://www.deweles.de/files/wahrscheinlichkeit.pdf

    AntwortenLöschen
  7. Was soll eigentlich am 666. Tag genau passieren? Entweder ich hab es überlesen oder nicht so recht kapiert.

    AntwortenLöschen
  8. Ich habe in "666 Tage" lediglich eine interessante Korrelation zwischen dem Maya-Kalender und der "Offenbarung des Johannes" beschrieben, was nicht mit irgendwelchen religiösen oder esoterischen Spinnereien verwechselt werden sollte. Was am 28. Oktober passiert, oder ob speziell an diesem Tag überhaupt etwas Erwähnenswertes passiert, ist nicht vorhersehbar. Es spricht aber bis jetzt vieles dafür, dass gegen Ende Oktober das noch bestehende, kapitalistische System endgültig zusammenbricht. Dabei wird es schon ausreichen, wenn die Börsenkurse innerhalb weniger Tage um 20% bis 30% absinken.

    AntwortenLöschen